Hans Dominik & die Grenzen schreibender Prophetie

Im Oktober 2016 wurde von der Ganymed Edition ein Roman in die Reihe  ›Phantastische Klassiker aufgenommen, der aus dem Jahr 1922 stammt. Der Titel:  ›Die Macht der Drei. Der Autor: Hans Dominik. Wegen seiner überragenden Bedeutung für die Entwicklung phantastischer Literatur in Deutschland lohnt ein Blick darauf, wie Dominik seine Rolle als schreibender Ingenieur sah.

Drei der 'grünen Bände', in denen viele Romane Dominiks in den 20er und 30er Jahren veröffentlicht wurden.
Drei der 'grünen Bände', in denen viele Romane Dominiks in den 20er und 30er Jahren veröffentlicht wurden.

Aus meiner Kindheit schon war mir Hans Dominik ein Begriff. Im Arbeitszimmer meines Vaters gab es sicherlich acht oder zehn seiner Bücher, etliche davon mit den charakteristischen grünen Einbänden, in denen Dominiks Werke in den 20er und 30er Jahren erschienen. Dass mein Vater diese Bücher besaß und sicherlich auch gelesen hatte, war nichts Ungewöhnliches. Dominik war enorm populär. Bis 1940 produzierte er einen Bestseller nach dem anderen. Mehrere seiner Bücher erreichten Auflagen von mehr als 100.000, ›Land aus Feuer und Wasser‹ sogar mehr als 250.000 Exemplare – für die Zeit vor dem II. Weltkrieg eine enorme Zahl. Dominik war der erfolgreichsten Pioniere von technisch orientierter Zukunftsliteratur in Deutschland.

Hans Dominik um 1935
Hans Dominik um 1935

Hans Dominik sah sich ›eigentlich‹ vor allem als deutscher Ingenieur. So ließ er sich gern auch porträtieren. Sehr deutlich macht dies ein Aufsatz Dominiks, den er selbst 1935 in ›Die Macht der Drei‹ einfügen ließ. Der Text (in der Neuasgabe der Ganymed Edition ab Seite 336) zeigt den Blick des zukunftsgewissen Ingenieur-Schriftstellers Dominik, der sich seiner eigenen Fähigkeiten so gewiss ist, dass er für lohnend hält, »im einzelnen einmal zu prüfen, was ... bereits Wahrheit wurde« von dem, was er ›prophezeite‹. Dominik benutzt dieses Wort ohne Anführungen, also wohl im vollen Ernst.

Dabei ist interessant, was Dominik beschäftigte: die Entwicklung der Technik, insbesondere der Energietechnik (Nutzung der Blitzenergie und der Atomenergie), der Luftfahrt (hocheffiziente Segelflieger und Luftschiffe) und der Kommunikation (pneu-matische Post). Science-Fiction-Themen par excellence wie gesellschaftliche Entwick-lungen, Forschung, Zeitreisen, Raumfahrt oder Roboter sind interessanterweise nie oder ganz selten sein Thema. Sein Held ist der Ingenieur.

 

Mit diesem Ansatz hatte Dominik in der Tat eine beeindruckende Reihe von ›Treffern‹ zu verbuchen, mindestens in seinen frühen Zukunftsromanen. Auf eine kurze Distanz passte da manches. ›Die Macht der Drei‹ geht aber auf die lange Distanz. Der Roman erschien erstmals 1921/1922 als Fortsetzungsroman in einer Wochenschrift. Er spielt 1955, für Dominik in ferner, ferner Zukunft. Für heutige Leser liegt 1955 aber schon viel weiter in der Vergangenheit als damals in der Zukunft.

Wir wissen also mehr. Aberr was damals niemand wissen konnte, kann man Dominik nicht nachträglich vorwerfen. Natürlich hatte er 1922 nichts wissen, ja nicht einmal ahnen können von dem zweiten großen Krieg der 17 Jahre später ausbrach und noch weit stärker als der 1. Weltkrieg alles umkrempelte. Und seit Beginn der 90er Jahre erleben wir einen erneuten Epochenbruch, der für Dominik und seine Zeit schlicht nicht antizipierbar war. Die Digitalisierung aller Lebensbereiche, die Entwicklung virtueller Welten, völlig neuartige Kommunikationslandschaften, Nano- und Gentechnik – das alles ist ja selbst für uns noch vergleichsweise neu, drei Generationen später.

In einem Parallelweltroman von Alastair Reynolds (›Century Rain‹, 2004, deutsch: ›Ewigkeit‹, 2008) wird die Erde im Jahr 1959 geschildert, aber in einem 1959 ohne 2. Weltkrieg. Es ist eine Welt ohne Computer, damit auch ohne Internet, ohne bemannte Raumfahrt – eine Welt, die mit den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts noch wie in einem Kontinuum verbunden scheint.

In einer solchen Idee von Fortschreibung vorhandener Linien entwickelte auch Dominik ›sein‹ 1955, mit den beiden dominierenden Weltmächten England und USA, mit gewaltigen Luftschiff-Flotten und einer Telekommunikation, die auf Fernschreibern, Rohrpost und Telefon basiert (immerhin das war auch in der realen Welt 1955 noch nicht viel anders).


(Auszug aus meinem Vorwort zur Neuausgabe von Dominiks Roman

Die Macht der Drei

Utopischer Roman aus dem Jahr 1922

von Hans Dominik

354 Seiten, 14, - Euro

ISBN 978-3-946223-23-0 (Softcov.)

als eBook ISBN 978-3-946223-33-7

erschienen in der Ganymed Edition

 

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