Georges-Arthur Goldschmidt: ›Der Ausweg‹

(Rezension) - Das muss man erst einmal schaffen: So scheinbar Disparates wie Moritz´ ›Anton Reiser‹, Réages ›Geschichte der O‹ und Flauberts ›Madame Bovary‹ in einem schmalen Erzählungsbändchen in eine Verbindung zu bringen. Aber Goldschmidt gelingt nicht nur dies. Er zeigt, wie lebensnotwendig Schreiben sein kann. Und lässt den Leser nach gerade einmal 157 Seiten reichlich beklommen allein zurück.


So wenig das Schicksal Georges-Arthur Goldschmidt geschont hat, so wenig schont er sich selbst in seiner autobiographischen Erzählung ›Der Ausweg‹. Dass er eingangs aus Karl Philipp Moritz´ romanhaft verfremdeter Autobiographie ›Anton Reise‹ zitiert, ist Programm: Schonungslos wie jener geht Georges-Arthur Goldschmidt mit dem um, was ihm wiederfahren ist. Und schont auch den Leser wenig, der manchmal nicht recht weiß, wohin er sich wenden soll, ob er das alles in dieser Detailliertheit wirklich wissen wollte, ja wissen sollte.

Was Goldschmidt schildert, kann hier nicht paraphrasiert werden. Warum? Weil alles, was der Autor 'uns sagen will´, im Text schon so verdichtet, mit so hoher sprachlicher Präzision beschrieben ist, das mir höchstens Zitate möglich scheinen. Zum Beispiel dieses: »Erzählt wird hier aus dem Leben eines verstörten Jünglings, der auf Fremde angewesen ist, die ihm überhaupt nichts Böses wollen, ihn aber nach den Prinzipien und Standpunkten der damaligen Zeit 1944 - 1947 erziehen«, schreibt Goldschmidt im Vorwort.

Die ihm überhaupt nichts Böses wollen - das bleibt einem fast im Halse stecken angesichts der Erniedrigungen und Demütigungen, die der ›verstörte Jüngling erdulden und als etwas für die Zeit und die Umstände Normales, Übliches, gar nicht Ungewöhnliches hinnehmen muss.

Man wünschte fast, dies alles habe sich in viel tieferer Vergangenheit abgespielt, etwa in Moritz´ 18. Jahrhundert. Das wäre gnädiger, als akzeptieren zu müssen: Dies alles war gerade erst.

Moritz hatte seinem Alter Ego noch einen Namen geben können: Anton Reiser eben. Dadurch hatte er aus seinem eigenen Leben und Erleben etwas Spezielles, etwas Individuelles, einen Roman gemacht. Und dem Leser eine Chance zur distanzierten Lektüre gegeben.

Goldschmidt bietet diesen Trost nicht. Er beschreibt »Einige Tage aus dem Leben eines Namenlosen« hautnah, ohne Distanz. Und das heißt dann als Botschaft an den Leser: Hier wird von Erziehungsritualen erzählt, die unerträglich scheinen, aber nicht nur von diesem einen, sondern von ungezählten Namenlosen ertragen werden mussten, sie zerbrachen und deformierten. So, wie Solschenyzin inEin Tag im Leben des Iwan Denissowitsch am Schicksal eines Einzelnen das ganze Gulag-System beschrieb und dadurch anschaulich machte.

Iwan Denissowitsch allerdings bleibt ebenso wenig ein Ausweg wie Anton Reiser. Beide bleiben gefangen und können nicht herausfinden. Keine Rettung nirgends. Gold- schmidt findet einen Ausweg. Aber der macht die ganze Geschichte eher noch verstörender. Denn all die beschämenden Strafen, die er erfährt, lösen bei ihm Lust aus. So sehnt er die nächsten Strafen schon herbei, wofür er sich dann erst recht schämt. Aus diesem Teufelskreis führt ihn am Ende nur das Schreiben heraus. Dem Leser hilft das weniger.

 

Georges-Arthur Goldschmidt: ›Der Ausweg. Eine Erzählung

(Aus dem Französischen vom Autor selbst)

160 Seiten, S. Fischer, Frankfurt (2014)