Ayelet Gundar-Goshen: ›Löwen wecken‹

(Rezension) - Wenn schon ihr Erstling (›Eine Nacht, Markowitz‹) ein "Donnerhall" (WDR) war - was ist dann erst ›Löwen wecken‹ ? Ayelet Gundar-Goshen hat einen neuen Roman vorgelegt. Und zwingt zum behutsamen, langsamen Lesen, will man nichts verpassen von dem, was hier erzählerisch passiert.


Man will eigentlich dem Plot folgen. Der bringt wirklich genug Sog ins Lesen: Gut situierter Mann begeht Fahrerflucht und bringt dadurch seine  eigene Welt völlig aus den Fugen. Spätestens seit Tom Wolfe's ›Fegefeuer der Eitelkeiten‹ ist das ein bewährtes Sujet.

Aber dann muss der Leser, der behutsame Leser, ständig innehalten. Noch einmal lesen. Und noch einmal. Vielleicht sogar etwas herausschreiben (oder, als Barbar, im Buch markieren). Um nichts zu verpassen von den präzisen Beobachtungen, von den sprach-lichen Kostbarkeiten, die Ayelet Gundar-Goshen über ihren Text ausstreut, als wäre es gar nichts.

Die Autorin lässt dem Leser wenig Wahl. Mitten im Erzählen, klassisch meist im Imperfekt, verfällt der Text ins Präsens und zwingt, innezuhalten. Das geschieht sogar mitten im Absatz. Ein schöner Kniff, denn der Leser versteht bald: Im Präsens wird reflektiert, wird intensiviert, wird oft eine bestimmte, jeweils andere Perspektive geboten, schaltet die Geschichte auf 'real time'.  Das beginnt erst nach etlichen Seiten im Buch, fast unmerklich.

Warum erzähle ich hier so wenig über die eigentliche Geschichte? Dabei wäre viel zu sagen über das, was sich zwischen den Hauptpersonen abspielt: Zwischen Etan Grien, dem fahrerflüchtenden Arzt. Und Liat, seiner Frau, der Kriminalistin mit dem scharfem Blick, den sie nur zu Haus bewusst abschaltet - und dadurch blind wird für das, was direkt vor ihr liegt. Und Sirkit, als Witwe des Unfallopfers eigentlich Opfer, aber dann ... etwas ganz anderes.

Nun, die Geschichte  packt den Leser sowieso. Darauf ist Verlass. Alle großen Themen werden verhandelt, mitunter wie nebenbei: Liebe und Hass, Leben und Tod, Schuld und Sühne, Heimat und Fremde. Alles spielt sich auf kleinstem Raum ab, im eh schon kleinen Israel, fast wie ein Theaterstück.

Aber wie das gemacht wird, das ist das Besondere. Dieses Buch ist Literatur im besten Sinn. Hier steht das Erzählen 'an sich' im Vordergrund, das 'Wie': Wie die Autorin den Ton wechselt, die Atmosphäre verdichtet, den Leser mitzwingt. Das wirkt manchmal fast kühl, analytisch, distanziert. Aber gerade dadurch lässt Gundar-Goshen ihren Lesern kaum eine  Chance, den eigenen Kopf und die eigenen Gefühle herauszuhalten.

 

Ayelet Gundar-Goshen: ›Löwen wecken‹

(Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama)

424 Seiten, Verlag Kein & Aber, Berlin (2015)